{"id":734,"date":"2012-06-01T08:24:39","date_gmt":"2012-06-01T07:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.psnv-saarland.de\/?p=734"},"modified":"2016-05-23T13:39:53","modified_gmt":"2016-05-23T12:39:53","slug":"der-gefahrte-am-tag-x-artikel-der-saarbrucker-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/notfallseelsorge.saarland\/index.php\/blog\/allgemein\/der-gefahrte-am-tag-x-artikel-der-saarbrucker-zeitung\/","title":{"rendered":"Der Gef\u00e4hrte am Tag X (Artikel aus der Saarbr\u00fccker Zeitung)"},"content":{"rendered":"<p>mit freundlicher Genehmigung des Redakteurs ver\u00f6ffentlichen wir einen Artikel aus der Saarbr\u00fccker Zeitung vom 12.\/13. Mai 2012<\/p>\n<p>Portr\u00e4t der Woche<\/p>\n<p>Als ehrenamtlicher Notfallseelsorger steht Hans-Lothar H\u00f6lscher aus Quierschied-Fischbach Menschen nach Ungl\u00fccken bei<\/p>\n<p>Wie hilft man Menschen, die gerade aus der Bahn katapultiert worden sind, die so fragil sind wie noch nie zuvor in ihrem Leben? Dieser schweren Aufgabe stellt sich Hans-Lothar H\u00f6lscher als Notfallseelsorger.<\/p>\n<p>Von SZ-Redakteur Gregor Haschnik<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Fischbach. Die Erinnerungen weichen nicht, obwohl schon Jahre vergangen sind, seit Hans-Lothar H\u00f6lscher das Wohnzimmer betreten hat: Das Baby liegt steif auf der Couch und l\u00e4uft blau an. Das kleine M\u00e4dchen ist an seinem Erbrochenen erstickt. Die Mutter sitzt regungslos daneben; das Entsetzen und die Schuldgef\u00fchle haben die junge Frau erstarren lassen. Dann rinnen Tr\u00e4nen \u00fcber ihre Wangen, schluchzt, hyperventiliert sie \u2013 und erstarrt wieder. H\u00f6lscher z\u00f6gert. Er hat gelernt, wie man in den schrecklichsten Augenblicken selbst die Fassung wahrt und anderen hilft, die Fassung wiederzuerlangen. Doch jetzt ringt der Grauhaarige mit dem Vollbart, selbst Vater dreier Kinder, mit seinen Gef\u00fchlen. Dann f\u00fchrt er sich vor Augen, wie dringend ihn die Frau braucht, und rei\u00dft sich zusammen. \u201eMein Name ist Hans-Lothar H\u00f6lscher. Ich bin Notfallseelsorger. Die Feuerwehr hat mich gerufen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn ein Unfall, Verbrechen, Suizid oder anderes Ungl\u00fcck geschehen ist, wird der ehrenamtliche Notfallseelsorger gerufen, um Hinterbliebenen so schnell wie m\u00f6glich beizustehen. Der 63-J\u00e4hrige hilft auch Einsatzkr\u00e4ften, ihre Erfahrungen zu verarbeiten, bildet als Leiter der \u201eNotfallseelsorge und Krisenintervention Saarland\u201c Notfallseelsorger aus. \u201eIch begegne Menschen am Tag X in ihrem Leben. An einem Tag, an dem ihnen Furchtbares widerfahren und nur eines sicher ist: Nichts wird mehr so sein wie vorher\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00f6lscher ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Fischbach, seit 32 Jahren. Er wei\u00df, wie man schwierige Gespr\u00e4che sensibel f\u00fchrt. Bevor er im Jahr 2000 als Notfallseelsorger anfing, hat er sich intensiv fortgebildet. Und doch kann er auf das, was ihn am Einsatzort erwartet, nicht vorbereitet sein. Er muss sich auf sein Gesp\u00fcr verlassen. So wie bei der jungen Mutter, deren M\u00e4dchen erstickt ist. Als sich H\u00f6lscher ihr vorstellt, scheint sie ihn nicht wahrzunehmen. Auch nicht, als er \u201eIhr Kind ist noch so klein. Was ist passiert?\u201c sagt, um der Frau ein Gespr\u00e4chsangebot zu machen. H\u00f6lscher geht nicht weg. Einfach nur da sein \u2013 so will er der Mutter ein wenig Halt, ein wenig Sicherheit geben. Bevor sie das Zimmer verl\u00e4sst, um sich im Badezimmer zu \u00fcbergeben, sagt sie zu H\u00f6lscher: \u201eK\u00f6nnten Sie bitte auf mein M\u00e4dchen aufpassen?\u201c Als sie zur\u00fcckkommt, macht H\u00f6lscher ihr einen Vorschlag: \u201eM\u00f6chten Sie ihr Kind frisch machen und ihm etwas Sch\u00f6nes anziehen?\u201c Die Frau schaut ihn an und nickt. Sie geht zum Schrank, sucht ein sch\u00f6nes Kleidchen aus, w\u00e4scht ihr totes M\u00e4dchen, trocknet es ab und zieht es an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hans-Lothar H\u00f6lscher sitzt in seinem Arbeitszimmer, als er von diesem Einsatz erz\u00e4hlt. An der Wand h\u00e4ngt eine Saarland-Karte mit den Bezirken, die er mit seinen Notfallseelsorgern betreut. Immer in H\u00f6rweite ist der Piepser, der H\u00f6lscher zu Eins\u00e4tzen ruft. Griffbereit sind Taschent\u00fccher \u2013 \u201emein Hauptwerkzeug\u201c, sagt H\u00f6lscher \u2013 und die violette Notfallseelsorger-Jacke, die er sich \u00fcberstreift, bevor er zum Ungl\u00fccksort f\u00e4hrt. Das Zeichen der Notfallseelsorge, das darauf zu sehen ist, besteht aus einem feuerroten Erdball und einem gelben Kreuz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Einsatz muss der Notfallseelsorger innerhalb k\u00fcrzester Zeit die Bed\u00fcrfnisse der Betroffenen erkennen, darauf eingehen und sein gesamtes Verhalten darauf abstimmen: seine K\u00f6rperhaltung, seine Stimme, seine Wortwahl, sein Handeln. \u201eIch versuche, das Schweigen aufzuheben, gebe den Betroffenen leichte Impulse, indem ich einfache Fragen stelle: Was ist passiert? Wer war der Tote f\u00fcr Sie?\u201c So m\u00f6chte H\u00f6lscher den Menschen helfen, das Unfassbare zu realisieren. Aus den einen sprudelt es heraus, sie h\u00f6ren gar nicht mehr auf zu reden, zu schreien, zu fluchen. H\u00f6lscher h\u00f6rt zu; er wendet sich ihnen zu und nimmt Anteil. Andere wollen oder k\u00f6nnen \u00fcberhaupt nichts sagen; sie scheinen genauso leblos zu sein wie ihre verstorbenen N\u00e4chsten. Dann versucht H\u00f6lscher, \u201eVerst\u00e4ndnis und Gemeinschaft im Schweigen\u201c zu schaffen. H\u00f6lscher macht keine falschen Versprechungen: \u201eIch w\u00fcrde niemals \u201aDas wird schon wieder!\u2018 sagen, denn das kann ich gar nicht wissen.\u201c Auch die Frage nach dem Warum kann und will er nicht beantworten, obwohl fast alle sie laut oder stumm stellen. H\u00f6lschers Antwortversuch lautet: \u201eIch wei\u00df nicht, warum Ihnen das passiert ist. Ich wei\u00df nur, dass es gerade passiert ist. Und dass es vielleicht irgendwann einen Sinn ergeben wird. Vielleicht wird es aber auch f\u00fcr immer ein R\u00e4tsel bleiben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den zwei bis f\u00fcnf Stunden, die der geb\u00fcrtige Hannoveraner mit den Menschen verbringt, setzt H\u00f6lscher alles daran, den Blick der Betroffenen sachte nach vorne zu lenken, \u201eihre Lebensgeister zu reanimieren\u201c. H\u00f6lscher erinnert sie an schwierige Situationen in ihrem Leben, die sie bereits bew\u00e4ltigt haben. Spricht mit ihnen \u00fcber die Frage: \u201eWie soll es jetzt weitergehen?\u201c Und nicht zuletzt hilft er, \u201edas soziale Netz zu spannen. Ich k\u00fcmmere mich darum, dass Verwandte oder Freunde die Hinterbliebenen auffangen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn H\u00f6lscher gebraucht wird, geht alles ganz schnell: Der Piepser schrillt, H\u00f6lscher ruft die Einsatzleitstelle an, erf\u00e4hrt in Stichworten, was passiert ist, streift sich seine Jacke \u00fcber und f\u00e4hrt los, in einem Zustand \u201eangespannter Ruhe\u201c. Wenig sp\u00e4ter klopft er an eine T\u00fcr, hinter der sich Menschen im Ausnahmezustand befinden. H\u00f6lscher ist Notfallseelsorger geworden, \u201eweil ich erste Hilfe f\u00fcr die Seele leisten wollte. In Extremsituationen. Wenn das Leben stillzustehen und auch f\u00fcr die Hinterbliebenen nicht mehr weiterzugehen scheint. Dann, wenn Menschen Seelsorge am dringendsten brauchen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00f6lscher achtet darauf, dass er ausgeglichen ist. Er ern\u00e4hrt sich gesund und entspannt sich beim Sport. \u201eWenn es mir selbst nicht gut geht, brauche ich eigentlich gar nicht erst zu einem Einsatz aufzubrechen. Jeder Einsatz verlangt mir alles ab.\u201c Die Arbeit als Notfallseelsorger hat sein Leben ver\u00e4ndert: \u201eIch wei\u00df das Leben mehr zu sch\u00e4tzen, schiebe nichts mehr auf. Ich bin toleranter geworden, akzeptiere Menschen, aber auch Lebensumst\u00e4nde, ohne sie zu bewerten. Und gehe sensibler mit ihnen um.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So schnell, wie er in ihr Leben tritt, verl\u00e4sst H\u00f6lscher die Menschen auch, die sich ihm anvertrauen. Meistens h\u00f6rt er nie wieder von ihnen. \u201eNat\u00fcrlich f\u00e4llt es mir schwer, die Menschen wieder zu verlassen. Schlie\u00dflich waren wir uns in schweren Stunden nah.\u201c H\u00f6lscher l\u00e4sst sogar k\u00f6rperliche N\u00e4he zu, h\u00e4lt H\u00e4nde, nimmt in den Arm. Andererseits bem\u00fcht er sich, Distanz zu wahren: \u201eIch muss ein Gegen\u00fcber bleiben. Ein ruhender, au\u00dfen stehender Pol. Soll Anteil nehmen, darf mich aber nicht mitrei\u00dfen lassen und mitleiden. Dann k\u00f6nnte ich den Betroffenen keinen Halt mehr geben.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sind ihm je Glaubenszweifel gekommen, bei all dem Leid, dass er so unmittelbar erlebt hat? \u201eJa, diese Momente gab es. Aber letzten Endes haben mich meine Eins\u00e4tze im Glauben gest\u00e4rkt.\u201c Weshalb? \u201eWeil ich erlebt habe, welche enormen Selbstheilungskr\u00e4fte der Mensch entwickelt. Was er alles aush\u00e4lt. Wie er sich schon in den schwersten Momenten langsam wieder aufrichtet. Diese Kr\u00e4fte sind Menschen geschenkt worden. Die Quelle nenne ich Gott.\u201c Und so paradox es klinge: \u201eKatastrophen sind furchtbar, k\u00f6nnen aber auch etwas Neues, etwas Gutes hervorbringen.\u201c Eine Frau, deren Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, schien der Schmerz \u00fcber den Verlust zu erdr\u00fccken. In den Stunden, nachdem sie die Todesnachricht bekommen hatte, stand ihr ein Seelsorger bei. Nach und nach fasste die Frau neuen Lebensmut \u2013 und die Entscheidung, sich zur Notfallseelsorgerin ausbilden zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hintergrund: Die Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland hat acht neue Mitarbeiter. Sie absolvierten eine theoretische Ausbildung in psychosozialer Notfallversorgung (PSNV) und werden zun\u00e4chst mit erfahrenen Mitarbeitern im Einsatz sein, teilte der Verein am Freitag mit. Im Saarland gibt es 83 Notfallseelsorger, die 2011 385 Mal im Einsatz waren. Bundesweit r\u00fccken die Seelsorger j\u00e4hrlich rund 11 000 Mal aus. red<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bildunterschrift: Notfallseelsorger Hans-Lothar H\u00f6lscher in seinem Arbeitszimmer: Die lilafarbene Jacke streift er bei Eins\u00e4tzen \u00fcber. Foto: Dietze<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.psnv-saarland.de\/wp-content\/uploads\/SZ-2012_PSNV-H\u00f6lscher.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-735 size-medium\" src=\"http:\/\/www.psnv-saarland.de\/wp-content\/uploads\/SZ-2012_PSNV-H\u00f6lscher-298x300.jpg\" width=\"298\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/notfallseelsorge.saarland\/wp-content\/uploads\/SZ-2012_PSNV-H\u00f6lscher-298x300.jpg 298w, https:\/\/notfallseelsorge.saarland\/wp-content\/uploads\/SZ-2012_PSNV-H\u00f6lscher-150x150.jpg 150w, https:\/\/notfallseelsorge.saarland\/wp-content\/uploads\/SZ-2012_PSNV-H\u00f6lscher-1017x1024.jpg 1017w, https:\/\/notfallseelsorge.saarland\/wp-content\/uploads\/SZ-2012_PSNV-H\u00f6lscher.jpg 1432w\" sizes=\"auto, (max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Erschienen: 12.05.2012 \/ SZR \/ SBM_MAN \/ ATDT_3\u00a0 \/\u00a0 Ressort: Themen_des_Tages \u00a0\/\u00a0 Textname: tt3.12.notfall.ART \u00a0\/\u00a0 Verfasser: Von SZ-Redakteur Gregor Haschnik&lt; \/ I&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>mit freundlicher Genehmigung des Redakteurs ver\u00f6ffentlichen wir einen Artikel aus der Saarbr\u00fccker Zeitung vom 12.\/13. 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